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An diesem Tag möchte ich mit Ihnen allen verbunden sein, auch dann, wenn Sie an dieser Feier nicht teilnehmen können. Deshalb grüße ich Sie
heute auf diese Weise und entbiete Ihnen meinen Dank und meine herzlichen Segenswünsche!
Gleichzeitig bekunde ich meine Bereitschaft, Ihnen nach Kräften in der Kirche von Münster zu dienen.
Ich danke
Ihnen, weil Sie mit mir zusammen katholische Christen sind. Der heilige Augustinus hat seine Aufgabe als Bischof in die Worte gefasst: „Wo mich erschreckt, was ich für euch bin, da tröstet mich, was ich mit euch
bin. Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ. Jenes bezeichnet das Amt, dieses die Gnade, jenes die Gefahr, dieses das Heil.”
Oft habe ich in den vergangenen Wochen seit meiner Ernennung an dieses
Wort gedacht. Die Erwartungen, die auf mich als neuer Bischof von Münster zukommen, erlebe ich als groß, meine eigene Kraft als gering. Es bewegt mich, Bischof für die Kirche von Münster, also für Sie alle, zu
werden, weil mir die Wahl durch das Hohe Domkapitel und die Ernennung durch den Heiligen Vater damit eine große Aufgabe und Verantwortung übertragen hat.
Das Bischofsamt birgt in sich, wie Augustinus sagt,
eine große Gefahr: Dem nicht zu genügen, was das Amt erfordert und durch menschliche Sünde und Schwäche das Bild der Kirche zu entstellen.
Zugleich tröstet mich, dass ich mit Ihnen Christ sein darf, denn
darin liegt das Heil, das der Herr uns bereitet hat. Es tröstet mich aber auch, mit Ihnen Christ zu sein, weil ich weiß: Vor mir haben viele Bischöfe in der Kirche von Münster gewirkt, darunter große Gestalten, die
weit über Münster bekannt geworden sind, wie der heilige Liudger, der selige Clemens August, aber auch mein verehrter Vorgänger, Bischof Reinhard. Es sind aber nicht nur Bischöfe, sondern Priester, Diakone,
Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten und schließlich Sie alle, die zum Aufbau der Kirche und des Reiches Gottes in Ihren Pfarrgemeinden, Gruppen und Verbänden beigetragen haben und beitragen. Deshalb möchte
ich Ihnen allen von Herzen danken für Ihren Einsatz, Ihr Gebet, für Ihre Treue und Ihr stilles Opfern. Es ist ein Fundament, das trägt, und auf dem wir auch in Zukunft Kirche zum Wohl der Menschheit und zum Heil
aller sein können.
Ich bin mir bewusst, dass die Herausforderungen groß sind. Jeder von uns weiß auf seine Weise von diesen Anforderungen zu berichten. Ich denke an Eltern, denen es ein Herzensanliegen ist,
Ihre Kinder im Glauben zu erziehen, und die oft erleben müssen, dass die Kinder andere Wege gehen. Ich denke an Kinder und Jugendliche, die gern in der Kirche engagiert sind, in Verbän- den, als Messdienerinnen und
Messdiener, in den Gruppen der Pfarrgemein- den. Oft erfahren Sie, dass andere aus ihrer Klasse oder an ihrem Arbeitsplatz sie deswegen belächeln oder sogar verspotten. Ich denke auch an die alten Menschen, denen
durch Leid, Krankheit und Not der Glaube plötzlich zur Frage wird, obwohl sie selbstverständlich darin gelebt haben. Ich sehe das Bemühen von vielen Frauen und Männern, die ehrenamtlich in unseren Gemeinden tätig
sind und oft den Eindruck haben: Wir bemühen uns umsonst. Auch ich selbst kann davon berichten, dass ich mir mitunter die Frage stelle, wie es mit dem Glauben und der Kirche weiter geht. An diesen Sorgen und Nöten
nehmen auch die Priester, die Diakone, die Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten großen Anteil.
Zugleich sehe ich aber auch: Vieles Neue wächst in Gruppen, geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen, in
Pfarrgemeinden und Verbänden. Mitunter sind es sehr kleine Pflanzen in den Herzen Einzelner und in unseren Pfarreien. Oft kommt mir das Wort des Propheten Jesaja in den Sinn: „Seht her, nun mache ich etwas Neues.
Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?” (Jes 43, 19). Viele von Ihnen wirken daran mit, wenn Sie sich bemühen, dem Glauben treu zu bleiben, Sonntag für Sonntag an der Eucharistiefeier teilzunehmen, in
Gruppen gemeinsam das Wort Gottes zu hören und sich von der Frage leiten zu lassen, wie dieses Wort im Alltag konkret werden kann. Ich bin fest davon überzeugt, liebe Schwestern und Brüder, dass dieser Einsatz sich
auch heute lohnt. Ich möchte Sie ermutigen, darin nicht müde zu werden. Das wird seine Frucht bringen! In diesem Zusammenhang denke ich an zwei Worte:
Das eine stammt aus dem Evangelium dieses Sonntags:
Einige Griechen treffen Philippus und bitten ihn darum, ihnen zu helfen; denn sie haben einen tiefen Wunsch: „Wir möchten Jesus sehen” (Joh 12, 21). Es sind Menschen, die auf der Suche sind und in dieser Suche Jesus
entdecken wollen. Sie wenden sich an einen, der ihnen dabei helfen kann, weil er in der Gemeinschaft mit Jesus steht. Von dieser Begegnung wird Jesus berichtet. Er selbst sieht in diesem Augenblick eine ganz
entscheidende Stunde gekommen. Er spricht davon, dass er jetzt wie ein Weizenkorn in die Erde gelegt wird, und dass aus diesem Sterben reiche Frucht entsteht. Jesus weiß sehr genau: Die vielen Menschen, die ihn
als das Heil der Welt sehen wollen, können ihn nur empfangen, wenn er nicht für sich bleibt, sondern sich hingibt und durch das Geheimnis seines Todes reiche Fruchtbarkeit entfaltet.
Könnte es nicht sein, dass der Einsatz in der Kirche, in der Familie, überall da, wo wir stehen, mit dem Leben und dem Sterben eines Weizenkorns zu vergleichen ist? Wir legen es hinein in die Erde unserer Zeit.
Manches erscheint uns fruchtlos, geradezu dem Tod ausgeliefert. Aber unser Glaube und Vertrauen sagen uns: Wir pflanzen neues Leben. Wir verkünden den Auferstandenen, den, den der Vater aus der Todesstunde errettet
hat, und der, von der Erde erhöht, nun alle an sich ziehen kann (vgl. ebd. V. 33).
Das zweite Wort, liebe Schwestern und Brüder, an das ich mich in diesem Zusammenhang erinnere, stammt von meinem Trierer
Heimatbischof, der aus dem Bistum Münster nach Trier gekommen ist, Bischof Dr. Hermann Josef Spital. Als er 1981 seinen Dienst in der Kirche von Trier begann, hat er davon gesprochen – ich erinnere mich noch
sehr deutlich – dass es heute darauf ankommt, den Grundwasserspiegel des Glaubens zu heben. Er erzählte davon, dass man damals in Münster ein großes Einkaufszentrum gebaut und darunter eine sieben Stockwerke
tiefe Garage in die Erde getrieben hatte. Ich zitiere:
„Dazu musste man das Grundwasser abpumpen. Nachdem nun der Grund- wasserspiegel im Umkreis dieses Bauwerkes gesunken ist, zeigen sich in den umliegenden
Gebäuden Risse. Die Fundamente geben nach.”
Mir will scheinen, dass die Kirche unserer Zeit mit den umliegenden Gebäuden vergleichbar ist. Der Großbau wäre dann mit den gewaltigen gesellschaft- lichen
Veränderungen der letzten Jahrzehnte zu vergleichen; sie haben als Nebenwirkung den Grundwasserspiegel des religiösen Lebens sinken lassen.”
So hat damals Bischof Hermann Josef an die Christen in Trier geschrieben und ihnen nahe gebracht, dass jeder Einzelne einem Baum vergleichbar ist, der den Grundwasserspiegel heben kann. Er sagte dabei wörtlich:
„Das mag nicht plötzlich geschehen und auch jetzt noch kaum sichtbar sein. Es wird sich aber erweisen. Davon bin ich überzeugt, das gibt mir Mut und Zuversicht für meine Aufgabe als Bischof. Sie alle, meine lieben
Christen, sind meine Hoffnung, weil der Herr in ihnen eine neue Verlebendigung des Glaubens wirken will.”
Diese Worte meines Heimatbischofs mache ich mir heute zu eigen, da ich meinen Dienst bei Ihnen
antrete. Sie mögen vielleicht denken: Hat sich in diesen Jahrzehnten nicht der Grundwasserspiegel noch mehr gesenkt? Was gibt dem Bischof die Hoffnung, diese Worte zu wiederholen?
Ich antworte Ihnen gern: Ich sehe, dass manches tatsächlich gewachsen ist; denn der Glaube und das Christentum, die Kirche in unserem Land, sind nicht kraftlos geworden. Die Veränderungen sind gewachsen, haben
sich anders dargestellt, als wir es vor fast 30 Jahren sehen konnten. Aber es gibt auch heute gerade junge Christen, die sich nicht abbringen lassen, von der Hoffnung, die der Glaube verbürgt. Und: Ich glaube an den
Auferstandenen, und ich glaube das mit Ihnen. Gerade in dieser österlichen Bußzeit gehen wir auf das Osterfest zu, um in der Osternacht in Dankbarkeit zu bekennen: Es ist gut, dass wir Christen sind. Wir gehören zum
neuen Bund, den der Vater in Jesus von Nazareth leibhaft geschlossen hat. Er ist unsere Hoffnung!
Ihm vertrauen wir uns aufs Neue an, denn er ist die Kraft für unsere Sendung.
Liebe Schwestern
und Brüder im Bistum Münster! In Essen Werden habe ich oft am Grab unseres Gründerbischofs beten können. Vor 1200 Jahren ist er gestorben. In diesem Jahr denken wir daran. Sein Grab, ja sogar seine Reliquien, beides
ist noch vollständig erhalten.
Erhalten geblieben ist aber noch viel mehr: Seine Verehrung für den heiligen Apostel Paulus hat er der Kirche von Münster tief ins Herz geprägt. Wir bedenken und feiern dies
gerade jetzt im Paulusjahr immer wieder.
Die Botschaft, die Liudger den Menschen seiner Zeit, unseren Schwestern und Brüdern hier in der Region, gebracht hat, ist auch heute noch unter uns lebendig. Sie ist
schlicht und einfach in die Worte zu fassen: Wir verkündi- gen Christus.
Das hat Paulus getan, das hat Liudger getan, das tun auch wir. – Wir verkündigen Christus; denn ER ist das Leben! Ich freue mich, das
mit Ihnen gemeinsam und für Sie tun zu dürfen. Deshalb wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie Christus immer mehr erkennen und immer mehr lieben lernen. Der Hebräerbrief bezeichnet ihn heute in der 2.
Lesung als den, der durch Leiden den Gehorsam gelernt hat. Zur Vollendung gelangt aber, ist er für alle der Urheber des ewigen Heils geworden (vgl. Hebr 5, 8-9). Ihm wollen wir uns anvertrauen.
Aus Essen bringe ich die Verehrung der Gottesmutter als „Mutter vom Guten Rat” mit. In den Jahren dort war mir folgendes Wort Mariens eine besondere Orientierung: „Was er euch sagt, das tut.” – Dieses Wort hat sie
bei der Hochzeit zu Kana gesprochen (Joh 2, 5); sie gibt es uns allen mit. In dieser Spur des Glaubens gehen wir unsere Wege gemeinsam, wenn ich jetzt meinen Dienst in der Kirche von Münster beginne.
So
grüße und segne ich Sie alle von Herzen, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Münster, im März 2009 Felix Genn, Bischof von Münster
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