Der hl.Dionysius in Recke - 
Versuch, Herkunft und Geschichte eines Bildes aufzuklären 

von Klaus Pöppmann

 

Etwa 150 Jahre lang hat es in einer der Recker Dionysiuskirchen gehangen, 100 Jahre in der alten, gut 50 Jahre in der neuen Kirche und hier in etwa vier Metern Höhe, d. h. nicht gut zu sehen und deswegen von den Kirchenbesuchern wohl eher wenig beachtet: das Bild des Heiligen Dionysius, gemalt von einem der berühmtesten Maler Deutschlands in der Zeit zwischen 1837 und 1910, Andreas Achenbach.

Klaus Pöppmann (rechts) befasste sich mit dem Bild des
Hl. Dionysius (Foto: IVZ)


Nach der Renovierung der Kirche 2005 wäre es beinahe im Archiv verschwunden. Davor errettete es zunächst Thomas M. Hartmann aus Mettingen, selbst Maler und Besitzer von zwei kleineren Achenbachbildern, der nach Erscheinen unseres neuen kleinen Kirchenführers die Frage stellte: „Wo ist eigentlich der Achenbach geblieben“? Damit hatte er die Suche nach der genaueren Identifizierung und der Geschichte des Bildes angestoßen und zu einer Reihe von Fragen angeregt. 

Wer war Andreas Achenbach ? – Ist die Dionysiusdarstellung tatsächlich ein Bild von ihm? – Wie kommt das Bild nach Recke? – Was soll mit dem Bild geschehen? 

 

Beginnen wir mit dem Maler. 

Andreas Achenbach wurde 1815 in Kassel geboren und starb 1910 in Düsseldorf. Seine Bilder hängen heute in fast allen großen Museen der Welt. Sein Bekanntheitsgrad zeigt sich z.B. auch darin, dass Tomas Mann ihn mit einer winzigen Veränderung des Namens Achenbach zu Aschenbach zur Hauptfigur seines Romans Tod in Venedig gemacht hat.   

Andreas Achenbach gehörte der Düsseldorfer Malschule an und wird den Romantikern zugerechnet. Er hat vor allem Landschaften gemalt, besonders Seestücke: Schiffsuntergänge, Häfen, Seestürme, aber auch westfälische Landschaften mit Schafherden und alten Wassermühlen. Einzelfiguren sind – außer der Darstellung seines Vaters und seiner Mutter – von ihm nicht bekannt. Insofern ist das Bild aus der Dionysiuskirche eine Überraschung. 

Es zeigt den Heiligen in einem prächtigen goldenen innen lila ausgeschlagenen Meßgewand, über einem farbig gestickten Rochett aus Brokat und einer bis auf den Boden reichenden weißen Albe, rotem Manipel und roter Stola, die unter dem Meßgewand bis tief auf die Erde hinabhängt. Der energisch aussehende Mann ist vielleicht 35 bis 40 Jahre alt. Sein Blick wendet sich nicht dem Betrachter zu, sondern ist schräg nach oben gerichtet. – Dieser Mensch bekommt seine Befehle nicht von irgendeiner Macht auf Erden, sondern von daher, wohin sein Blick sich wendet: von Gott. 

Seine Kopfbedeckung, wohl eine Mitra, ist wegen der Kopfhaltung nicht recht erkennbar; es könnte auch – wie Fürsten aus der Zeit der Renaissance sie trugen – eine Art prächtiger Haube sein, leicht über die Ohren herabgezogen. Der schwarze volle Bart, die braune Haut des Gesichtes und vor allem der lebhafte Blick unterstreichen den Eindruck einer kraftvollen Persönlichkeit, die fest inmitten einer eher kärglichen Landschaft steht. 

In der linken Hand hält er eine noch nicht aufgeblühte, langstielige Lilie – allgemeines ikonographisches Zeichen der Reinheit. Der biblische Protoptyp ist die Heilige Susanne, deren Name sich aus dem hebräischen Shushan = Lilie (vgl. Buch Daniel) herleitet. 

In der linken Armbeuge hält Dionysius seinen Bischofsstab, in dessen Krümmung zwei Personen abgebildet sind, die sich einander zuwenden – wahrscheinlich eine Darstellung der Taufe Jesu durch Johannes. Möglicherweise ergibt sich hier ein erster Bezug zum Anlass des Bildes: der Geburt und Taufe eines Kindes. 

Die rechte Hand weist mit großer Geste auf eine Kirche hin, die am linken Bildrand perspektivisch verkürzt dargestellt ist. – Mit diesem weisenden Gestus werden häufig Kirchenstifter dargestellt. 

Mit der alten Recker Dionysius Kirche – gegründet um 800 von Augustinermönchen aus St. Denis bei Paris – hat die auf dem Bild dargestellte Kirche auf den ersten Blick nichts zu tun. Und auch die zweite 1752 erbaute Kirche, das heutige Jugendheim, sieht ganz anders aus. 

Und doch! Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Spitze des Turms der Kirche auf dem Bild eine sehr starke Ähnlichkeit mit dem Dachreiter unseres Jugendheimes hat, der vor seiner Renovierung im Jahre 1880 vermutlich auch noch keine Spitze, sondern einen Helm trug. Die unter dem Helm liegenden Rundbalustraden aus Holz sind fast gleich. 

Denkt man sich den vom Maler vor die Kirche plazierten Turm einmal weg, könnte man mit etwas Phantasie das Hauptschiff der alten Recke Kirche erkennen, wie sie sich mit ihrem roten Dach und den langgestreckten Fenstern von der Hauptstraße her präsentiert.  

Ist es allzu kühn, zu folgender Aussage zu kommen: der Maler konnte im Jahre 1850, einer Zeit, wo die Beziehungen zwischen den Religionen sehr gespannt waren, die alte Kirche nicht als katholische Dionysiuskirche darstellen, er wollte in seinem Bild aber dennoch an sie erinnern. Gleichzeitig mußte sein Bild natürlich auch einen Bezug zu der Kirche enthalten, die zu seiner Zeit das katholische Gotteshaus war. Die Lösung war die Darstellung einer neuen, nur vorgestellten Kirche, die Elemente der beiden tatsächlich existierenden Kirchen in sich vereinigt.  

Die Landschaft, in der Kirche und Kirchenstifter bzw. Kirchenpatron stehen, entspricht durchaus dem Tecklenburger Land. Eine weite Ebene, im Hintergrund ein sanfter Höhenzug, der am linken Bildrand in eine Erhebung mit einer Burg ausläuft – vielleicht ein Hinweis auf die Tecklenburg, die sich um 1850 durchaus noch nicht als Burgruine präsentierte, wie ein alter Stich aus dieser Zeit zeigt. Die Vegetation – eher karg mit Wacholderbüschen und Heide, im Vordergrund ein paar wilde Rosen – entspricht durchaus der Recker Heidelandschaft. Eine einzelne Eiche ist nicht untypisch, lässt Kenner der Region vielleicht sogar an die alte Eiche an der Brockmühle denken, auf die man Ortsfremde aus Mangel an Sehenswürdigem durchaus hingewiesen haben mag. Rechts unten im Bild die Andeutung eines kleinen Flusses; Dionysius scheint auf einer Art kleinen Halbinsel zu stehen. Auch diesen Fluss gibt es in Recke. 

Über der Landschaft wölbt sich ein blaß-blauer Himmel mit weiß grauen Wolken, nicht untypisch für unsere Region. 

„Wenn alle Bilder, die mit Achenbach unterzeichnet sind, auch von ihm gemalt worden wären, müßte der Maler noch heute bei der Arbeit sein.“ Eine solche unter Kunstexperten  gängige Aussage  zeigt, dass Bilder im Stil von Andreas Achenbach häufig nachgemalt und sogar mit seinem Namen signiert worden sind, um damit Geld zu machen. Ist unser Bild vielleicht auch solch eine Nachahmung? Hat ein Fälscher der Dionysiusgemeinde in Recke ein Bild ihres Patrons, „gemalt von dem berühmtesten Maler Deutschlands“, angedreht, um so etwas Geld zu verdienen? 

Das ist eher unwahrscheinlich, denn Geld war von einer solch kleinen Torfstecher- und Bauerngemeinde, die um 1850 etwa 3000 Einwohner umfaßte, für ein Bild wohl kaum zu bekommen. Hinzu kommt, dass ein Fälscher sich sicherlich ein typisches Achenbachmotiv wie ein Seestück oder eine idyllische Landschaft, nicht aber den Heiligen Dionysius ausgesucht hätte. 

Am wichtigsten für die Einordnung des Bildes ist aber der Hinweis auf seine Geschichte, wie sie von Frau Carola Doeinck erzählt wird. Frau Doeinck weiß aus Erzählungen in ihrer Familie, dass das Bild ein Geschenk Achenbachs an die Recker Kirche ist. Sie erklärt auch, welch eine Beziehung er zu Recke gehabt hat. „Andreas Achenbach war über die Frau des Leibmedikus des Königs von Hannover Geheimrat Nieland mit meiner Familie, die in Hopsten auf Haus Nieland und Recke lebte, verwandt. Nach seiner Hochzeit im Jahre 1848 hat Achenbach, der katholisch geworden war, bei einem Besuch auf Haus Nieland gelobt, dass er für die Recker Dionysiuskirche ein Bild malen werde, wenn ihm ein gesundes Kind geboren würde. Dies Versprechen hat er eingehalten.“ Dass Achenbach einige Male in Haus Nieland gewesen ist, wird von dem westfälischen Schriftsteller Josef Winckler in seinem Buch „Im Banne des zweiten Gesichtes“ bezeugt. (vgl. Die Erbschaft aus Düsseldorf, S.69 ff, in: Im Banne des Zweiten Gesichtes, deutsche Buchgemeinschaft Berlin, 1935).Und in Meyers Konversationslexikon von 1874 findet man den Hinweis, dass Achenbach auf einer Reise nach Sizilien – wohl während seines Italienaufenthaltes 1843 bis 1845 – zum Katholizismus konvertiert ist. 


Das Bild des Heiligen Dionysius trägt die Signatur a.achenbach 1850.  Tatsächlich ist laut der „Bürgerrolle“, dem ältesten Melderegister in Düsseldorf, den Eheleuten Andreas Achenbach und Louise geb. Lichtschlag am 19.9. 1849 als erstes von vier Kindern die Tochter Emma geboren. Das Bild, eine Einlösung eines Gelöbnisses – das passt genau. 

Warum hat Achenbach der Dionysiusgemeinde und nicht z. B. der Kirche St. Georg in Hopsten eine solches Geschenk zugesagt? Diese Frage kann wohl kaum geklärt werden. Eine Spekulation sei allerdings gestattet:  Im Jahre 1843 kam Josef Hanhoff auf die Pfarrstelle nach Recke. Auf ihn, so heißt es, geht wahrscheinlich das Dionysiuslied zurück, das heute noch in der Gemeinde gesungen wird. Daraus läßt sich schließen, dass dieser Priester ein besonderer Verehrer des Kirchenpatrons gewesen ist. Vielleicht hat er sich auch um ein Bild von ihm bemüht, denn in Recke gab es zu der Zeit wohl nur das etwas grausame Bild der Ermordung des Dionysius im Hochaltar – das war dem Pfarrer wohl etwas wenig.  

Da hatte es der Hl. Georg in Hopsten viel einfacher – eine Statue von ihm existierte schon. So kann man sich vorstellen, dass der clevere Pastor eine Gelegenheit suchte, mit dem berühmten Achenbach – vielleicht in Gegenwart seiner gerade angeheirateten jungen Frau und seiner Recker Verwandtschaft – ins  Gespräch zu kommen, um ihm die Idee zu einem solchen Bild einzugeben. 

Verschiedene Achenbach-Experten, denen Photos des Bildes vorgelegt wurden, glauben, dass das Bild – obgleich das Motiv für den Künstler ungwöhnlich  und auch kein ähnliches bekannt ist –  ohne Zweifel echt ist.  

Das ist sicher keine so große Sensation wie die Entdeckung des bisher unbekannten Achenbachgemäldes „Der Schiffbruch  in Argentinien” im Jahr 2009, aber eine kleine Überraschung ist es schon. Wenn das Bild auch  ganz sicher nicht in die Reihe der ganz  großen Meisterwerke des Malers gehört – insbesondere die Kombination von Lichteffekt der Sonne und Heiligenschein ist für unseren heutigen Geschmack stark romantisierend – so ist es dennoch  sorgfältig und mit großer Kunstfertigkeit gemalt. Das zeigt sich an dem ausdrucksstarken Gesicht und besonders an den Gold- und Rottönen in Gewand und Rochett, die nach einer Restaurierung sicher noch leuchtender hervorträten. 

Man sollte sich in Recke entscheiden, dies Bild entweder über eine durchaus interessierte Agentur zu verkaufen oder – was ganz sicher vorzuziehen wäre –  ihm einen ehrenvollen Platz in der Kirche zuzuweisen, zumal es, wie gezeigt, ein Teil der Ortsgeschichte unseres Dorfes ist. Ins Archiv, d.h. in den Keller, gehört es jedenfalls nicht.